Nicht zynisch werden

Ein Porträtbild des Baritons Tomasz Konieczny
Tomasz Konieczny © Karpati & Zarewicz
 

Am 24. Oktober steht die Neuproduktion Der fliegende Holländer in der Regie von Milo Rau auf dem Spielplan: die Geschichte eines umherirrenden Seemanns, der nur durch die Treue einer Frau Erlösung finden kann. Kurz vor Probenbeginn sprach Dramaturgin Johanna Danhauser mit Tomasz Konieczny – einem der gefragtesten Bassbaritone seiner Generation – über seine Faszination für die Titelfigur, die ihm zwar bestens vertraut ist, aber immer wieder neue Rätsel aufgibt.

    

Johanna Danhauser: Wie starten Sie in die neue Saison?

Tomasz Konieczny: Ich freue mich sehr auf die Rückkehr an die Deutsche Oper Berlin. Vor 16 Jahren habe ich hier als Alberich im Ring des Nibelungen mein Debüt gegeben, jetzt komme ich als gestandener Wagner-Sänger zurück. Gedanklich bin ich noch beim Baltic Opera Festival, das ich in Sopot an der polnischen Ostsee leite. Dort haben wir in diesem Sommer erstmals Die Walküre gezeigt, mein Lieblingsstück – ich habe den Wotan gesungen. Das war ein wichtiger Schritt in meinem Vorhaben, Wagners Werke dem polnischen Publikum näher zu bringen: 2023 haben wir das Festival mit dem Fliegenden Holländer eröffnet. Das ist sehr gut angekommen und hat mir gezeigt: Man braucht kein großes Vorwissen, um Wagner neu für sich zu entdecken. Jetzt bekomme ich viele Anfragen, ob wir nicht bald den gesamten Ring zeigen … Ich bin ja fast von selbst Wagnerianer geworden, die Stimme hat sich dafür geeignet und durch meine schauspielerische Erfahrung habe ich einen guten Draht gefunden. Wagners Kompositionen sind sehr theatral, Musikdramen, eben keine klassischen Nummernopern.

Was fordert die Partie stimmlich?

Der Holländer ist ein frühes Werk, Wagner hat es Ende zwanzig geschrieben – das merkt man. Kollegen aus dem italienischen Fach fragen mich oft, ob Holländer ein guter Einstieg für Sänger ins Wagner-Repertoire wäre. Da sage ich: auf keinen Fall! Das Stück ist unglaublich schwierig. Der lange Monolog des Holländers gleich zu Beginn, der anspruchsvolle Erik, die Senta in einem schwer einzuordnenden Zwischenfach. Es ist eine kurze, aber eine der schwierigsten Partien, die ich kenne. Zwei Momente sind besonders fordernd: der komplizierte Eingangsmonolog und die fast unbegleitete Konfrontation zwischen Senta und dem Holländer im Finale des dritten Akts.

Was fasziniert Sie an dieser Figur?

Mit dem Holländer setze ich mich auch als Regisseur auseinander. Im Jahr 2023 entwickelte ich für mein Festival das szenische Konzept für Richard Wagners Der fliegende Holländer. Die Inszenierung wurde damals von Barbara Wiśniewska und Łukasz Michałowski realisiert. Viele sagen, er sei eher eine Idee als eine Person: ein unsterblicher Dämon, alle sieben Jahre zur Rückkehr verdammt – das hat etwas Faustisches. Doch im Theater reicht so eine Hypothese nicht, wir müssen Menschen verkörpern, keine Ideen. Der Holländer lebt von Gegensätzen, ist erst zutiefst deprimiert und todessehnsüchtig; im Duett mit Senta blüht er auf und wird zum verliebten Jungen. Diese Mischung aus Düsterkeit und Hoffnung macht ihn irgendwie sympathisch. Das ist typisch für Wagner, einen großen Menschenkenner: Im Ring denkt man zunächst, Wotan sei der Gute und Alberich der Gauner – tatsächlich ist es umgekehrt. Solche Widersprüche geben Interpretationsspielraum, jeder kann sich darin spiegeln.

Was versprechen Sie sich von der Arbeit mit Milo Rau, der die zentralen Themen der Oper – Schuld, Erlösung und Treue – auf die deutsch-israelische Geschichte überträgt?

Der fliegende Holländer wirft einige Fragen auf, auf die es keine endgültigen Antworten gibt: Worin besteht seine Schuld eigentlich? Wer sind die Geister seiner Mannschaft? Das lässt viele Deutungen zu, da bin ich offen. Als Pole interessiert mich die Beschäftigung mit der deutschen Schuld in besonderer Weise. Die Themenwahl ist gewagt, aber auch sehr aktuell; ebenso die Auseinandersetzung mit Wagners Antisemitismus. Wie genau das umgesetzt wird, weiß ich noch nicht. Aber Oper darf schwierige Themen ansprechen, und das tut Milo Rau. Kunst kann politisch sein – nur darf sie nicht vergessen, auch zu berühren. Wenn wir zynisch werden, wie es die Politik oft ist, vergessen wir die Menschen.

    

 

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