Ein Stück Weltliteratur als Familienoper: In 80 Tagen um die Welt

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DEine Szenenimpression aus Peter Lunds Inszenierung zu In 80 Tagen um die Welt: Auf einer Theaterbühne formen überdimensionale Buchseiten die Kulisse. Figuren bewegen sich zwischen aus Zeitungspapier gestalteten Bühnenelementen. Die Inszenierung macht das Medium Buch zum zentralen visuellen Bestandteil der Erzählung.
Zwischen Buchseiten und Bühnenzauber: Die Inszenierung macht die Fantasie des Lesens sichtbar und öffnet das Tor zu einer Reise um die Welt. © Toni Suter

Manchmal ist eine Reise mehr als nur ein Abenteuer. Für Peter Lund ist In 80 Tagen um die Welt auch eine ganz persönliche Rückkehr: Vor rund vierzig Jahren begann an der Deutschen Oper sein Weg ins Musiktheater, heute kehrt er mit einem Werk zurück, das Generationen verbindet. Aus Jules Vernes Klassiker hat er eine berührende Geschichte über Neugier, Freundschaft, Mut und die Frage gemacht, wie wir auf die Welt blicken.

   

Als die Idee aufkam, Jules Vernes Klassiker In 80 Tagen um die Welt als Stoff für eine neue Oper für Kinder und Familien zu verwenden, war schnell klar, dass es einen Twist braucht. Die legendäre Geschichte um den britischen Gentleman Phileas Fogg erfreut sich zweifellos anhaltender Beliebtheit, spiegelt aber auch eine koloniale Weltsicht wider, mit der heute viele aus guten Gründen fremdeln. Es galt also, den Stoff aus einer zeitgemäßen Perspektive zu beleuchten und gleichzeitig den meisterhaften Kern darin zu bewahren. Der Roman über Phileas Fogg, der sein halbes Vermögen darauf wettet, dass er es innerhalb von 80 Tagen einmal um den Erdball schafft, fesselt beim Lesen noch heute, obwohl eine Weltumrundung mit den jetzigen Möglichkeiten weitaus einfacher geworden ist. Was Librettist und Autor Peter Lund am Protagonisten Fogg besonders begeistert: «Er ist ein Sportsman mit dem Herzen am rechten Fleck. Er lässt seinen Diener Passepartout nicht im Stich und riskiert mitunter seine Wette und damit sein Vermögen, um anderen zu helfen. So rettet er die junge Witwe Aouda vor einem grausigen Ritualmord, woraufhin diese die beiden Abenteurer fortan auf ihrer Weltumrundung begleitet und dem etwas zugeknöpften Briten Fogg schließlich sogar romantische Gefühle entlockt.» Trotz seiner ehrenwerten moralischen Integrität repräsentiert Fogg unweigerlich das britische Empire des 19. Jahrhunderts mit seiner langen Geschichte der gewaltvollen Eroberungen und Jahrhunderten des Kolonialismus. Eine Adaption muss mit diesen Ambivalenzen intelligent umgehen, das kolonialistische Erbe nicht kaschieren, aber auch die progressiven, ja humanistischen Ansätze stark machen.

«Mir geht es darum, zu zeigen, wie man aus den wunderbaren Geschichten der Vergangenheit auch für heute noch etwas ziehen kann»

Also kam Lund die Idee, die Handlung aus der Sicht des jungen Max zu erzählen, der auf Jules Vernes Buch stößt und davon so sehr in den Bann gezogen wird, dass er sich selbst an der Seite von Fogg als dessen Diener Passepartout wiederfindet. So durchlebt Max die aufregende Reise hautnah und das Publikum mit ihm. Als liebevolles Gegengewicht zum Träumer Max, der sich neugierig in die spannende Abenteuergeschichte versenkt, entwarf Lund die Figur seiner Freundin Josi. Sie ist eher der pragmatische Typ und fungiert als Kommentatorin, welche die Erzählung immer wieder hinterfragt und die darin abgebildeten Stereotype kritisiert. Außerdem versucht sie Max’ Aufmerksamkeit auf die reale Welt mit ihren unmittelbaren Problemen zu lenken. Während Max sich zuhause mit seinem Buch verkriecht, engagiert sich Josi politisch und geht auf die Straße. Damit verhandelt die Oper auch das Spannungsfeld zwischen Eskapismus und politischer Betätigung, das für das Kunstschaffen, aber auch für die individuelle Lebensführung immer eine Rolle spielt. «Mir geht es darum, zu zeigen, wie man aus den wunderbaren Geschichten der Vergangenheit auch für heute noch etwas ziehen kann», so Lund. Am Opernhaus Zürich, wo In 80 Tagen um die Welt vor rund zwei Jahren uraufgeführt wurde, gelang ein großer Erfolg mit der mitreißenden Musik des Komponisten Jonthan Dove, der mit Feingefühl eine sehr temporeiche, aber auch nahbare und zugängliche Musik geschrieben hat. Die Komposition präsentiert eine Vielzahl an Stilen, welche die Vielfalt der Welt feiern.

Dass die Inszenierung nun an der Deutschen Oper Berlin gezeigt wird, ist für Peter Lund auch eine Rückkehr. Denn seine Theaterlaufbahn begann vor rund vierzig Jahren im Haus an der Bismarckstraße, wo er Teil der Statisterie war. In den Wartezeiten zwischen den Auftritten und Proben fing er an, mit anderen Mitgliedern der Statisterie Szenen zu entwickeln. Die Deutsche Oper fand Interesse am kreativen Elan der jungen Leute, sodass bald eine Aufführung im Orchesterprobesaal stattfand: Die Fledermaus in kleiner Besetzung und mit Klavier wurde zum vollen Erfolg! Seine Arbeit im Musiktheater setzte Peter Lund an der Neuköllner Oper fort, die er von 1996 bis 2004 als Teil des künstlerischen Leitungsteams maßgeblich mitprägte, und er wurde zum Professor am Studiengang Musical/Show der UdK berufen. Gleichzeitig eroberte er als Regisseur und Autor die Bühnen der deutschsprachigen Musiktheaterlandschaft. Nun schließt sich der Kreis und seine Arbeit In 80 Tagen um die Welt kommt auf die große Bühne der Deutschen Oper Berlin.

   

 

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