Israel-Tagebuch I von Shlomi Moto Wagner

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Shlomi Moto Wagner und unbekannt © 2026, Moritz von Dungern
 

 

Neben den Opernfiguren stellen sich dem Publikum in Milo Raus Inszenierung des Fliegenden Holländers zwei neue Charaktere vor, deren Biografien den Themen der Inszenierung eine Gegenwart verleihen: Der israelische Performer Shlomi Moto Wagner, der mit seiner Show Richard Wagner the Drag Queen eine ganz eigene Verbindung zu dem Komponisten gefunden hat, und die deutsch-israelische Schauspielerin Sarah von Schwarze, die Fragen nach kultureller Zugehörigkeit und dem Umgang mit historischer Verantwortung in ihrer Familie umtreiben. Sie rahmen die Opernaufführung mit der Erzählung von einem Projekt, das mit der Idee begann, Wagners Musik in Israel erklingen zu lassen – einem Ort, an dem sein Werk für viele bis heute eine offene Wunde berührt, während es anderen gerade ein Bedürfnis ist, diese Musik dort gemeinsam zu hören.

Lesen Sie hier Shlomi Moto Wagners Israel-Tagebuch

     

Ich war lange nicht in Tel Aviv, eigentlich nicht mehr seit dem 7. Oktober und dem Krieg mit dem Iran. Als Erstes fallen mir die Sticker der Toten auf: Gesichter und Namen, die Bahnhöfe, Mauern und öffentliche Plätze bedecken. Überall, wo eine Hand hinkommt, hat jemand eine Erinnerung hinterlassen. Die Trauer hat die Oberflächen der Stadt besetzt.

Unser erstes Treffen findet in einem Bunker statt, unter einem Hochhaus, das von einer iranischen Rakete beschädigt wurde. Wir sitzen dort und sprechen über Richard Wagner und den Fliegenden Holländer. Immer wieder frage ich mich: Was mache ich hier? Werde ich jetzt wirklich Wagner in Israel spielen?

Ich heiße Wagner. 2012 suchte ich in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in dem riesigen Buch der Holocaust-Opfer nach meinem eigenen Namen und fand andere Shlomo Wagners, überall in Europa. Ich weiß noch, wie ich dachte: Wir sind die ganze Zeit da gewesen. Shlomo und Wagner waren kein Widerspruch, die Geschichte hat den Bruch hergestellt.

Während Milo das Projekt vorstellt, kommt mir in den Sinn, wie ich mir Deutschland als Kind vorgestellt habe: Schwarz-Weiß-Fotos, Nazis, bellende Hunde, Winter, Hunger. Wen spiele ich – das Opfer oder den Täter? Den Deutschen, der die klassische Kultur in die Levante bringt, oder den Juden, der sich Wagner zurückholt? Was bedeutet das alles vor dem Hintergrund des Traumas des 7. Oktober und der Zerstörung in Gaza? Vielleicht sollte Wagners Musik nicht sicher in Bayreuth bleiben. Was passiert, wenn wir ihn aus dem Tempel zerren, an Orte, an denen sich die Gegenwart weigert, Mythos zu bleiben? Vielleicht schafft eine alte Oper genug Abstand zu einer Tragödie, in der wir noch mittendrin stecken, um noch einmal hinzusehen. Keine Erklärung. Ein Prisma.

Shlomi Moto Wagner auf dem Givat Kobi bei Sderot. © 2026, Moritz von Dungern
 

Am nächsten Tag in Haifa ist es unerträglich heiß. Ich trage ein schwarzes T-Shirt mit Wagners Porträt und laufe mit einer Boombox durch den Hafen. Die Ersten, die wir ansprechen, sind palästinensische Studierende, die Eiskaffee trinken. Sie erkennen den Walkürenritt sofort – nicht aus der Oper, sondern vom Profi-Wrestling. Sie zeigen mir ein Video, in dem Bryan Danielson zu Wagner in die Arena einzieht. Ich finde das surreal: Wagner ist im Wrestling angekommen, wo Gewalt zur Unterhaltung gehört. Sogar der Name erzeugt ein absurdes Echo: Bryan Danielson, Daniel Barenboim – der Dirigent, der in Israel bekanntlich das Wagner-Tabu herausforderte. Vielleicht taucht Wagner genau dort auf, wo er hingehört: in der seltsamen Synchronizität von Gewalt, Erinnerung und unserer Faszination für ihre Ästhetik.

v. l. n. r.: Alexander Ivanov, Shlomi Moto Wagner und Tamara Nishri im Bahnhof Jitzchak Navon in Jerusalem. © 2026, Moritz von Dungern
 

In Jerusalem spielen wir Wagner auf einem Konzertflügel in der unterirdischen Bahnstation, die mit Gedenkstickern übersät ist. Fast niemand erkennt die Musik. Die wenigen, die sie erkennen, sind meist orthodoxe Juden. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber ich schreibe es auf.

Im Grenzgebiet zu Gaza treffen wir Haim Shilo, 102 Jahre alt, 1925 in Leipzig geboren. Seine Familie floh in den 1930er-Jahren aus Deutschland. Er war Mitbegründer des Kibbuz Nirim, in dem er bis heute lebt. Nach dem Krieg von 1948 wurde der Kibbuz an seinen heutigen Standort verlegt, auf das Land von al-Ma‘in, einem palästinensischen Dorf, dessen Bevölkerung im Mai 1948 vertrieben wurde. Er erzählt uns, wie er den 7. Oktober in seinem Schutzraum überlebte.

Später besuchen wir Luis Har, der aus einem Nachbarkibbuz entführt und 128 Tage lang als Geisel in Gaza festgehalten wurde. Inzwischen habe ich Wagner den ganzen Tag durch die Augusthitze des Negev getragen. Das T-Shirt war billig und in letzter Minute gemacht – bis zwei Tage vorher wussten wir nicht einmal, ob die Reise wegen der andauernden Kriege in Israel überhaupt stattfinden kann. Wagners Plastikgesicht klebt an meiner verschwitzten Haut. Während Luis die anderen herumführt, ziehe ich mich schnell um. Irgendwie passt es: Ich betrete das Haus eines Mannes, der 128 Tage als Geisel überlebt hat, und das Erste, was ich tue, ist, mir Richard Wagner vom schwitzenden Körper zu schälen. Dann setze ich mich und höre zu. Manchmal fühlt sich Analyse obszön an. Manchmal hört man einfach zu.

In Tarqumiya, einem palästinensischen Dorf im Westjordanland, erzählt uns Mufida von Siedlergewalt und davon, dass man sie daran hindert, das Land ihrer Familie zu erreichen. Religiöse, linke jüdische Aktivist*innen begleiten sie als schützende Präsenz. Innerhalb weniger Tage haben wir Jüd*innen von Gewalt durch Palästinenser*innen erzählen hören und Palästinenser*innen von Gewalt durch Jüd*innen. Ich wehre mich dagegen, daraus eine Symmetrie zu machen. Aber die Reise zerstört immer wieder die Möglichkeit, es sich in einer Position bequem zu machen.

v. l. n. r.: Alexander Ivanov, Tamara Nishri und Shlomi Moto Wagner vor dem Arabisch-Hebräischen Theater in Jaffa © 2026, Moritz von Dungern
 
Shlomi Moto Wagner am Mahnmal «Path to Peace» in Netiv HaAsara an der Grenze zu Gaza. © 2026, Moritz von Dungern
 

Vom Reporter’s Hill bei Gaza aus sehen wir einen außergewöhnlichen Sonnenuntergang über dem Mittelmeer – einen, wie ich ihn aus meiner Kindheit bei Tel Aviv kenne. Beinahe wagnerisch. Nur wenige Kilometer entfernt ist Krieg. Wagner versteht es, die Katastrophe schön zu machen. Wie ich dort stehe, will ich nicht, dass Leid erhaben wird. Was geschieht, wenn Schönheit und Grauen denselben Horizont teilen?

In Jaffa füllt sich der Platz vor dem Arabisch-Hebräischen Theater mit Menschen. Wagner wird öffentlich gespielt, neben Reden über den Boykott, die Erinnerung an den Holocaust, den 7. Oktober und Gaza. Fast alle wirken politisch unzufrieden. Die Musik versöhnt nichts. Wir bleiben dort, gemeinsam, und hören zu.

Mit mir reist noch ein anderer Wagner: mein eigener. Nach Jahren der Forschung zu Wagner, Männlichkeit und Queerness habe ich Richard Wagner – die Drag Queen! kreiert. Ist es möglich, inmitten von Krieg und Tragödie über Drag zu sprechen? Ich denke an einen Satz von bell hooks: «Kein Mann wird den Maßstäben des Patriarchats gerecht, ohne sich dabei fortwährend selbst zu verraten.»

Auch der Soldat ist eine Geschlechterrolle. Die Heldin ist eine Rolle. Opfer, Täter und Nationalistin sind Rollen. Und Richard Wagner ist eine Rolle. Drag hat mich gelehrt: Etwas als Performance zu entlarven, macht es nicht unecht. Performances haben Folgen.

Ich will nicht, dass Queerness Wagner von Antisemitismus und Nationalismus freispricht. Ich will das Wagner-Denkmal ins Wanken bringen.

Bald werden die Sänger*innen, die Musiker*innen und die Oper selbst in dieses Material eintreten, und wir werden es nach Berlin bringen, wo deutsche Verantwortung und Holocaust-Erinnerung auf Israel, Palästina und den Aufstieg der nationalistischen Rechten treffen, die AfD eingeschlossen. Darin steckt eine unübersehbare Ironie: Ein politisches Milieu, das gegen Drag und queere Sichtbarkeit Stimmung macht, greift Teile einer deutschen Erinnerungskultur an – während Wagner weiterhin als Ikone deutscher Mythologie und Männlichkeit bestehen bleibt.

Wer die Drag Queen loswerden will, könnte feststellen, dass sein Monument viel queerer und instabiler ist, als ihm lieb ist.

Ich weiß nicht, ob Der fliegende Holländer all das tragen kann. Vielleicht sollte er es auch nicht.

Shlomi Moto Wagner und Jonathan Livny hören in Livnys Wohnung in Tel Aviv Musik von Wagner. © 2026, Moritz von Dungern
 

 

Wagners Musik ist nicht die Antwort. Sie ist Material: schön, kontaminiert, verführerisch, beunruhigend. Eine Perspektive, die man der Gegenwart entgegenhält.

Hinsehen. Zuhören. Verstört bleiben.

Und dann, irgendwie, eine Oper machen.

    

 

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