Israel-Tagebuch II von Sarah von Schwarze

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Shlomi Moto Wagner und Sarah von Schwarze an der Küste bei Arsuf © 2026, Moritz von Dungern
 

Neben den Opernfiguren stellen sich dem Publikum in Milo Raus Inszenierung des Fliegenden Holländers zwei neue Charaktere vor, deren Biografien den Themen der Inszenierung eine Gegenwart verleihen: Der israelische Performer Shlomi Moto Wagner, der mit seiner Show Richard Wagner the Drag Queen eine ganz eigene Verbindung zu dem Komponisten gefunden hat, und die deutsch-israelische Schauspielerin Sarah von Schwarze, die Fragen nach kultureller Zugehörigkeit und dem Umgang mit historischer Verantwortung in ihrer Familie umtreiben. Sie rahmen die Opernaufführung mit der Erzählung von einem Projekt, das mit der Idee begann, Wagners Musik in Israel erklingen zu lassen – einem Ort, an dem sein Werk für viele bis heute eine offene Wunde berührt, während es anderen gerade ein Bedürfnis ist, diese Musik dort gemeinsam zu hören.

Lesen Sie hier Sarah von Schwarzes Israel-Tagebuch

     

Als ich von der Produktion und dem Konzept von Milo Rau hörte, sagte ich sofort «Ja», aber mein Herz klopfte aus Angst, die komplexe Realität, in der wir leben, zu berühren.

Mein ganzes Erwachsenenleben lang bin ich Schauspielerin, und auf der Bühne konnte ich mich immer hinter einer Rolle verstecken. In dieser Produktion jedoch würde ich als ich selbst auf der Bühne stehen und nur einen winzigen Teil meiner Lebensgeschichte erzählen – allerdings in Worten, die nicht ich geschrieben habe, sondern jemand anderes, und in einer Sprache, die nicht meine Sprache ist. Das alles in einer riesigen und komplexen Oper von Wagner, zu dem ich bis dahin keinen Bezug hatte, da seine Musik in Israel boykottiert wird. Zudem sollte die Geschichte im Kontext der deutsch-israelischen Beziehungen erzählt werden – einem Thema, das für sich genommen schon komplex ist.

Ich wurde in München in eine deutsche Familie geboren. Meine Eltern beschlossen 1970 zum Judentum zu konvertieren und nach Israel zu ziehen. Seit Jahren beobachte ich, wie meine Familienangehörigen oder einfach Freunde aus dem Ausland ins Heilige Land kommen und versuchen, es zu verstehen. Der Satz, den ich dann immer sage, lautet: «Lass los, es hat keinen Sinn, verstehen zu wollen, ‚wer und was‘. Das ist ein Land, in dem über Generationen hinweg Chaos und Schönheit herrschen, Schmerz und Wärme, Freiheit und Zwang, Seite an Seite.»

So begannen wir die Reise in Israel mit einem Abendessen bei uns zu Hause in Jaffa. Mein Partner Itamar und ich betrachteten diese Mischung von Menschen in Milos Team, und etwas in mir beruhigte sich. Sie alle haben das Herz am richtigen Fleck.

Bevor ich beginne, muss ich klarstellen, dass ich nicht nur aktive Künstlerin und Schauspielerin, Mutter und Partnerin bin, sondern auch ein Mensch, der mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen hat. Und hier bin ich und beginne eine Reise in die Tiefen des Traumas anderer Menschen.

Sarah von Schwarze und Shlomi Moto Wagner im Hafen von Haifa © 2026, Moritz von Dungern
 

Am nächsten Tag kamen wir in Tel Aviv zu einem prächtigen Hochhaus, das auf dem Land der deutschen Templerkolonie Sarona steht. Das Gebäude ist derzeit teilweise geschlossen, weil kürzlich eine iranische Rakete darauf gefallen ist. Dort trafen wir Tamara, die großartige Opernsängerin, die Wagners dramatische Musik aus tiefstem Herzen sang. Es war ein kleiner Raum, und während sie sang, sah ich in ihrem Gesicht, wie sie sich der Dramatik des Textes und den Wechselfällen von Sentas Herz hingab. In den Gesangspausen kehrte sie zu jener Pseudo-Gleichgültigkeit zurück, die ihre Generation so kennzeichnet. Die Generation meiner geliebten Töchter. Eine Generation, der man nicht mehr verkaufen kann, dass die Welt ein Ort mit Logik ist. Sie kann nicht länger im Drama des 19. Jahrhunderts verharren. Sie muss sich schützen. Ich höre sie in dem kleinen Raum mit ihrer kraftvollen Stimme singen und frage mich erneut, wie diese Oper mit der Realität zusammenhängt, die wir hier erleben.

Aber ich bin ein verantwortungsbewusster Mensch und setze die Reise fort.

Am zweiten Tag waren wir in Haifa, liefen den ganzen Tag herum und trafen Menschen. Danach konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Wir hatten Menschen getroffen, die mutiger sind als ich.

Sie alle sind Menschen, die Verlust und Trauma erlebt haben und sich trotzdem für Gleichheit und Zusammenleben einsetzen.

Ich spürte ihren Glauben und ihre Verzweiflung. Sie alle glauben, ja, sind sich vielleicht sogar sicher, dass Veränderung möglich ist. Ich schaue sie an, ich kann nur Fragen stellen. Denn das ist es, was eine Künstlerin tut – sie fragt. Ich versuchte herauszufinden, was Milo mit all den Zeugnissen vorhatte, die wir hörten, und beschloss, mir nachts seine Inszenierung Antigone im Amazonas anzusehen. Durch die Produktion und Milos Arbeitsweise wurde mir klar, dass ich mich auf der Reise eines Projekts befinde, dessen Ende offen ist. Auch ich verstecke mich im Tempel der Kunst wie Kreon in Antigone und möchte mich nicht zwischen «Ja» und «Nein» entscheiden. Ich möchte ewig weiterfragen. Ich bin ein wenig neidisch auf die Menschen, die wir getroffen haben – auf ihre Zugehörigkeit, auf ihren Mut.

Tamara Nishri vor dem Arabisch-Hebräischen Theater in Jaffa © 2026, Moritz von Dungern
 
v. l. n. r.: Alexander Ivanov, Shlomi Moto Wagner und Tamara Nishri im Bahnhof Jitzchak Navon in Jerusalem © 2026, Moritz von Dungern
 

Am dritten Tag sang Tamara im Zentralen Busbahnhof von Jerusalem vor einem Flügel, der mit Gedenkaufklebern für ermordete oder getötete junge Menschen und mit allerlei seltsamen politischen Aufklebern bedeckt war. Menschen aller Art gehen vorbei, einige bleiben stehen, verweilen, und nur eine kleine Handvoll kommt und fragt uns, was sie singt. Milo antwortet fröhlich: «Wir spielen Wagner», und sie bleiben stehen, hören zu und setzen dann ihren unsicheren Alltag in Israel fort. Ich stehe abseits, aus Angst, dass manche Leute wütend reagieren könnten. Doch niemand lehnt sich auf – weder gegen die Musik noch gegen die Absurdität von Wagners Bild auf diesem vom Schmerz gezeichneten Flügel voller Aufkleber mit Fotos lächelnder junger Menschen, die gestorben sind.

Von dort fahren wir in den palästinensischen Teil der Stadt und treffen den palästinensischen Professor Mohammed Dajani Daoudi, der ausgezeichnetes Englisch spricht. Er lebt einsam in einem staubigen Wohnhaus voller Bücher. Er erzählt uns, wie er mit einer Gruppe palästinensischer Studierender nach Auschwitz fuhr und daraufhin seine Stelle an der palästinensischen Universität aufgeben musste. Seit Jahren ist er ans Haus gefesselt – wegen eines Boykotts. Wut steigt in mir auf. Boykott. Ich halte nichts von Boykott. Bereits im ersten Gespräch mit Milo sagte ich, dass ich nicht wegen Wagner hier bin, sondern wegen der Boykottfrage. Hilft ein Boykott Wagners oder ein Boykott der Kunst aus Israel, Russland, dem Iran usw., Menschen zu retten? Wie kann man – anders als bei einem Wirtschaftsboykott – die Worte, Gedanken oder Gefühle eines Menschen boykottieren? Zugegeben, manchmal habe ich Lust, den Leuten das Reden zu verbieten. Doch sobald wir eine Meinungsäußerung boykottieren, schließen wir jede Möglichkeit eines Dialogs aus. Jeden von uns mit einer Definition in eine Schublade zu stecken, zwingt uns, zwischen Menschen zu unterscheiden – und ich hasse Definitionen.

Sarah von Schwarze und Shlomi Moto Wagner auf dem Givat Kobi bei Sderot © 2026, Moritz von Dungern
 

Am vierten Tag fahren wir ins Westjordanland. Ich bin voller Ängste, es fällt mir schwer, den Checkpoint und den Zaun zu passieren, es fällt mir schwer, all das mit eigenen Augen zu sehen, worüber ich in den letzten Jahren nur in den Zeitungen gelesen habe. Wir fahren in ein Dorf namens Tarqumiya, und ich sehe, wie die Siedler den palästinensischen Bewohner*innen das Leben unmöglich machen. Es ist nicht einfach, dort mit einem israelischen Auto herumzufahren.

Empfangen werden wir von einem kleinen Kerl namens Roy Kleitman, mit einem pfeifenden S und viel Lebensfreude. Er leitet die Organisation Bnei Avraham, eine religiöse jüdische Aktionsgruppe, die gemeinsam mit palästinensischen Aktivist*innen dafür arbeitet, dass palästinensische Gemeinden auf ihrem Land bleiben können. Mir kommt das immer mehr wie ein von vornherein verlorener Krieg vor. Wie Sisyphos: Er rollt den Stein den Berg hinauf, und dann rollt er wieder hinunter, immer und immer wieder.

Was wird geschehen, frage ich mich. Was werde ich mit all dem anfangen, was uns die Menschen erzählt haben? Sie sprechen in die Kamera und hoffen, dass Gott zuhört.

Am fünften Tag fuhren wir ins Grenzgebiet zu Gaza. Wir trafen Luis Har, der 128 Tage lang in Tunneln ohne Luft als Geisel festgehalten wurde. Später am Tag trafen wir Haim Shilo, 102 Jahre alt, geboren in Leipzig. Wie in meinem Elternhaus gibt es auch bei ihm schwere Holzmöbel und glückliche Familienfotos aus der Zeit vor dem Krieg – alles dank seiner starken Mutter, die von den Fotos herabblickt. Sie beschloss einfach zu fliehen, bevor es zu spät war.

Givat Kobi bei Sderot. Auf dem Handy: Majd Asadi, zugeschaltet aus Gaza-Stadt © 2026, Moritz von Dungern
 

Alle, die wir trafen, waren Menschen, die verloren, die sich wieder aufgebaut haben, die nicht vergessen, die nachts nicht immer schlafen, wenn Traurigkeit oder Wut sie überfallen.

Ein zerbrochener Baum hat zwei Möglichkeiten: entweder zu sterben oder aus dem Bruch heraus anders zu wachsen als zuvor. Ich habe auch Jahre gebraucht, um in mir eine Sanftheit zu entdecken, von der ich in meiner Jugend nicht wusste, dass es sie gibt.

Ich habe herausgefunden, dass es möglich ist, aus einer Krise herauszuwachsen – in der Fachsprache nennt man das «posttraumatisches Wachstum». Und jetzt wird unsere Oper vor Publikum aufgeführt. Und während ich diesen Text schreibe, habe ich immer noch keine Ahnung, wie unser Projekt aufgenommen wird, aber wir haben es zumindest versucht. Wir haben versucht, den Schmerz zu berühren. Ich wünsche mir, dass wir im Anschluss an unsere Vorstellung entdecken, was wir gemeinsam haben, und nicht, was uns trennt.

PS: Ich möchte mich bei Milo Rau und dem wunderbaren Produktionsteam für dieses Erlebnis bedanken; bei Sprachcoach Hannelore Flörke und bei meiner Cousine Carolin Mylord, die mir geholfen haben meine Sprachschwierigkeiten zu überwinden.

    

 

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