Zehn Fragen an ... Nadja Mchantaf - Deutsche Oper Berlin
Zehn Fragen an ... Nadja Mchantaf
Nadja Mchantaf sang im Ensemble der Komischen Oper. Nun kommt sie endlich auch zu uns: als Marie in ZAR UND ZIMMERMANN
Sie geben Ihr Rollendebüt als Marie in Lortzings ZAR UND ZIMMERMANN und Ihr Debüt an der Deutschen Oper Berlin. Warum erst jetzt?
Es hat sich vorher nicht ergeben. Ich war lange an der Komischen Oper engagiert; als ich mich vor zwei Jahren entschied, in den Dschungel der Freischaffenden zu wechseln, kam sofort die Einladung von der Deutschen Oper Berlin, für den Part vorzusingen.
Sie mussten vorsingen?
Das ist gar nicht so unüblich. Dadurch hatte ich sofort eine Arbeitsprobe des neuen Librettos.
Viele halten Lortzings Spieloper für eine staubige Klamotte.
Genau das fand ich aber schon reizvoll. Ich liebe zwar große romantische Opern, aber ich mag eben auch die Mischformen; Musical, Opera buffa, Spieloper, in denen es immer auch um Sprache und Rhythmus, Text und Humor geht. Viele Sängerinnen mögen es nicht, auf der Bühne zu sprechen, aber ich finde das großartig. Die Verbindung der Genres entspricht mir sehr. Und was die Klamotte anbelangt: Regisseur Martin G. Berger hat Lortzings Libretto komplett überarbeitet und es radikal aktualisiert. Ich habe die neuen Texte gelesen und dachte sofort, das passt, das möchte ich unbedingt machen. Diese Marie hat eine unglaubliche Kraft, sie ist kämpferisch, hat Überzeugungen. Und gleichzeitig ist das Stück plötzlich ganz nah an unserer Gegenwart.
Inwiefern?
Berger hat es gesellschaftlich und politisch aufgeladen, zeitgemäßer geht es eigentlich kaum. Aber nicht im Sinne eines erhobenen Zeigefingers – die Oper bleibt emotional, und sie bleibt unterhaltend.
Wie hat Martin G. Berger Marie modernisiert?
Ich dachte beim Lesen sofort an Luisa Neubauer. Die neue Marie ist eine aktive, junge Frau. In unserer Lesart stellt sie sich gegen die Politik ihres Onkels, des Bürgermeisters, und engagiert sich für Geflüchtete. Sie gründet eine Initiative, sie ist also jemand mit Haltung und Charakter. Kein Opfer. Und gleichzeitig bleibt die Liebesgeschichte mit Ivanov erhalten, mit all ihren Missverständnissen, Eifersüchteleien und Verwechslungen. Aber Marie ist eindeutig eine Figur, die für etwas einsteht. Das war mein erstes inneres Bild beim Lesen.
Es gab auch eine Leseprobe – was in der Oper eher ungewöhnlich ist.
Total! Das kannte ich so nicht. Das ganze Ensemble sitzt zusammen und liest den Text – teilweise mit Musik, teilweise haben wir gesungen. Das kommt eher aus dem Schauspiel oder Musical. Ich fand das unglaublich hilfreich, weil man sofort ein Gefühl für die Figuren und ihre Beziehungen bekommt.
Und der Regisseur hört seinen eigenen Text zum ersten Mal.
Ein besonderer Moment. Das ganze Vorgehen zeigt, wie sehr hier Musiktheater als gemeinsamer Prozess gedacht wird.
Wie gehen Sie musikalisch an die Partie heran?
Die Partie der Marie liegt eher in der Mittellage, das ist technisch eine andere Herausforderung. Es geht stärker um Text, um Artikulation. Aber man möchte trotzdem eine schöne Melodik behalten. Diese Balance zu finden, ist spannend. Lortzing gilt ja als Theaterkomponist, er war selbst Sänger und Schauspieler – und das merkt man: Es geht immer um die Erzählung, um das Stück. Diese Verbindung von Spiel und Musik finde ich großartig.
Sie selbst kommen ursprünglich vom Tanz, wollten Schauspielerin werden. Hilft das?
Ich habe viele Jahre Turniertanz gemacht, war auf einem Musikgymnasium, habe Querflöte gespielt, wollte Schauspielerin werden, habe die Welt der Oper aber erst mit 16 Jahren entdeckt – und mich sofort in die Komplexität verliebt.
Sie sind eine richtige Allrounderin.
Sehen Sie, und daher bin ich so begeistert von Lortzing. Was ich bei ihm einfach super finde, und das ist mir wichtig, ist die Tatsache, dass er alles kombiniert: Schauspiel, Gesang, Oper. Er war ein typischer Theatermensch, aber er hat sich Zeit seines Lebens in keine Schublade pressen lassen. Das finde ich gut. Lortzing war ein Allrounder des Musiktheaters.