Fragen an Roberto Tagliavini - Deutsche Oper Berlin

Fragen an Roberto Tagliavini

Roberto Tagliavini singt König Philipp II., die dunkle Vaterfigur, der seinen Sohn Don Carlo unterdrückt. Zu der Rolle selbst hat der Bass indes eine andere, sehr persönliche Beziehung

Was verbinden Sie mit Philipp II.?
Es ist die Rolle, von der jeder Bass träumt. Für mich ist sie das Ziel einer langen Reise. Ich habe in der Rolle erst 2024 debütiert, an der Staatsoper Wien. Vorher hatte ich viel Belcanto gesungen: Rossini, französisches Repertoire und den frühen Verdi. Philipp II. aber ist eine andere Größenordnung, dafür braucht man eine reife Stimme und Lebenserfahrung.

An welche Art von Erfahrung denken Sie?
In meinem Fall Selbstvertrauen, um ehrlich zu sein. Ich bin ein musikalischer Spätzünder, begann erst mit 25 Jahren professionell zu singen, habe mich langsam hochgearbeitet, eine kleine Rolle nach der anderen – aber stets an großen Häusern. Jede Aufführung bedeutete für mich unglaublichen Stress. Die Regisseure, das gesamte Team fordert dich und sobald du zögerst, werden alle misstrauisch. Das war nicht immer einfach, aber heute, 20 Jahre und viele große Rollen an großen Häusern später, weiß ich, wie es geht und ich kann meine ganze Energie in die Komplexität einer Figur investieren.

Als Bass stellen Sie viele Bösewichte dar. Wie gehen Sie damit um?
Das stimmt, als Bass bin ich entweder der Vertraute, der Freund oder der Böse, die dunkle Figur. Mir gefällt es, mich zu verwandeln. Ich bin ein ganz normaler, fast banaler Typ, kleide mich nicht außergewöhnlich, lebe ein bescheidenes Leben. Das lasse ich hinter mir, sobald ich die Bühne betrete. Das macht Spaß, so kann ich mehrere Leben in einem leben.

Philipp II. ist ein Macho, der seinen Sohn runtermacht. Was davon steckt in Ihnen? 
Ich identifiziere mich weniger mit dem Macho, sondern mit dem Leid, das die Figur empfindet. Wie gesagt, Philipp II. ist die Rolle, von der ich immer geträumt habe, vor der ich mich aber auch immer gefürchtet habe; ich hatte Angst, ihr nicht gerecht zu werden. Mit ihr begann mein Entschluss, Sänger zu werden. Zuhause in Parma habe ich einem Freund meines Vaters, der Opern-Experte war, meine Stimme vorgeführt und zu einer CD gesungen, auf der Boris Christow Philipp II. interpretiert. So begann alles. Später dann hat mein Vater immer davon geträumt, mich in der Rolle live zu erleben. Leider ist er vor meinem Debüt gestorben. Auch an ihn denke ich, wenn ich als Philipp II. auf der Bühne stehe.

Wie war es für Sie in Parma aufzuwachsen, der Heimat von Giuseppe Verdi?
In meiner Kindheit in den Achtziger-, Neunzigerjahren war Verdi überall. In den engen Gassen klang die Musik seiner Opern aus den Fenstern, am Konservatorium hörte man Verdi hinter jeder Tür. Mein Vater war ein großer Opernliebhaber, er war mit vielen »Loggionisti« befreundet – und die haben mich dann in die Welt der Oper eingeführt.

Sind das die Opernbesucher, die eine Loge gemietet haben?
Genau. Ich hatte das Glück, sie und das Leben in ihren »Circoli Lirici« kennenzulernen. Von diesen Opernclubs gab es in Parma viele. Es war eine richtige Art zu leben, man schnitt eine Scheibe Salami, trank eine Flasche Wein, hörte gemeinsam lyrischen Gesang, organisierte Konzerte mit großartigen Sängerinnen und Sängern. Es war ein Stück italienischer Kultur.

Das ist heute nicht mehr so?
Leider nicht. Es hat ein Generationswechsel stattgefunden. Darum möchte ich mit meinen Auftritten ein Stück dieser Kultur ins Ausland tragen. Und beim Publikum vielleicht die gleichen Gefühle entfachen, die ich damals erlebt habe und bis heute jedes Mal empfinde, wenn ich singe. 

 

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