Misha Kiria – Mein Seelenort: Das Stue am Tiergarten - Deutsche Oper Berlin
Misha Kiria – Mein Seelenort: Das Stue am Tiergarten
Der georgische Bariton Misha Kiria ist Genussmensch. Er liebt Musik und gutes Essen. Das verbindet ihn mit dem Komponisten Rossini
Mein Seelenort ist Berlin, besonders ein Hotel, »Das Stue« am Tiergarten. Ich wohne in Frankfurt am Main, aber viele besondere Momente meines Lebens sind mit Berlin verbunden. Auch mit der Deutschen Oper, hier bekam ich vor zwölf Jahren meinen ersten Vertrag als Sänger, für die Rolle des Ping in TURANDOT.
Im Restaurant der Deutschen Oper Berlin machte ich meiner heutigen Frau den Heiratsantrag. Um genau zu sein: den zweiten. Zum ersten Mal hielt ich um ihre Hand an, als wir uns gerade drei Stunden kannten. Sie dachte, ich sei verrückt. Nach ein paar Monaten versuchte ich es erneut. Ich sagte ihr: »Nochmal frage ich nicht, das ist deine letzte Chance!« Zum Glück willigte sie ein. Die Kellnerinnen im Restaurant der Deutschen Oper Berlin bekamen das mit und spendierten uns Champagner. Danach gingen wir zum Essen ins Hotel Stue. Es gibt dort europäische Küche auf Sterne-Niveau. Die Portionen sind nicht groß, aber raffiniert.
Als Georgier liebe ich gutes Essen. Ich stamme aus der Gegend, die in der Antike Kolchis hieß, sie liegt zwischen dem Kaukasus und der Ostküste des Schwarzen Meers. Die Argonautensage spielt dort, die Geschichte von Medea, Iason und dem Goldenen Vlies. In diesem Teil Georgiens gibt es das beste Essen. Die Küche ist nicht so fleischlastig wie im Gebirge. Gewürze spielen eine große Rolle, die Speisen sind sehr aromatisch und vielschichtig. Meine eigene Spezialität ist ein Auberginengericht mit Nusspaste und Granatapfelkernen. Das bereite ich gern für Gäste zu.
Die Liebe zu gutem Essen und guter Musik verbindet mich mit Rossini. Der war ein begnadeter Komponist, Feinschmecker und leidenschaftlicher Koch. Gerichte wie »Tournedos Rossini« sind nach ihm benannt, ein Filet mit Gänseleber und Trüffeln. Rossinis Opern liegen mir, besonders die Buffo-Partien. Damit fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Schon im Studium an der Accademia della Scala in Mailand entdeckte ich meine Vorliebe für dieses Fach. Die Kunst an Buffo ist, nicht das Komische zu spielen, sondern die Rolle bedingungslos ernst zu nehmen. So wie Louis de Funès es machte. Er führte nie einen lächerlichen Menschen vor, sondern jemanden, der durch Ungeschick in absurde Situationen gerät. Dadurch entsteht die Komik.
Auch Taddeo aus L’ITALIANA IN ALGERI, den ich jetzt an der Deutschen Oper Berlin singe, ist eine tolle Buffo-Partie. Er begleitet die schöne Isabella beim Versuch, ihren Geliebten Lindoro aus den Fängen des herrschsüchtigen Mustafà zu befreien. Taddeo ist in Isabella verliebt, traut sich aber nicht, ihr seine Gefühle zu gestehen. Ich kann mit der Rolle eine breite Palette an Emotionen zeigen: Enttäuschung, Trauer, Eifersucht.
Außerdem hat Taddeo eine Reihe schneller Passagen mit viel Text, das liegt mir als Sänger sehr. Ich durfte die Rolle schon zwei Mal singen, zunächst am Teatro dell’Opera di Roma in einer klassischen Inszenierung. Und beim Rossini Opera Festival in Pesaro in einer modernen Interpretation: Isabella zum Beispiel war eine Dragqueen.
An der Deutschen Oper Berlin wird der Regisseur Rolando Villazón die Oper ins mexikanische Wrestling-Milieu verlegen. Darauf bin ich gespannt. Wenn eine Inszenierung handwerklich professionell gemacht ist, spielt die Frage von traditionell oder modern für mich eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist, dass ich als Sänger Gestaltungsspielraum habe, um möglichst viele Farben zu zeigen.
Georgier wachsen mit einer reichen Tradition an Volksmusik auf, in fast jeder Familie wird gesungen. In den Kirchen gibt es keine Instrumente, dafür vielstimmige Choräle. Den Entschluss, Opernsänger zu werden, fasste ich Anfang der 90er Jahre. Eine schwierige Zeit, Georgien befand sich in einer Phase politischer und militärischer Konflikte, oft gab es nur wenige Stunden am Tag Strom. Wenn das Fernsehen funktionierte, zeichnete ich Konzerte der »Drei Tenöre« auf. Pavarotti, Domingo und Carreras begannen damals mit ihren Tourneen. Sie waren meine Inspiration.
Heute bin ich an einem Punkt in meiner Karriere, wo sich alles erfüllt hat, wovon ich als Sänger geträumt habe. Noch nie hat sich auch nur eine Minute auf der Bühne wie Arbeit angefühlt. Zu singen ist für mich der pure Genuss. Wie ein gutes Essen.